Hier ein Statement des Künstlers:
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DER KLEINE PREIS Was woll ich soll? Was soll ich sein wollen? Ein Künstler? Aber warum? Wie komme ich dazu? Ist das meine Nische in dieser Zeit? Kann ich davon leben? Kann ich dafür leben? Ist das meine Berufung oder nur eine Leidenschaft? Kann ich aus meiner Besonderheit Kapital schlagen (auch finanziell)? Wie weit reicht der Überlebenswille? Wo gibt es Grenzen? Fließt die Kunst wie von alleine, oder muss ich mich selbst immer wieder überwinden, mir in den Arsch treten? Gibt es Startprobleme oder eine Starthilfe? Ein Startkabel? Ein Potenzmittel? Was nehme ich zu mir? Was nehme ich auf mich? Bin ich der Lastenträger, oder führe ich die Karawane? Wohin geht es? Welche Aufgaben stelle ich mir? Ist meine Arbeit ein muss? Wo ist mein muss? Ist das „muss“ existenziell? Bin ich ein Triebtäter? Bin ich abhängig? Hänge ich ab? Bin ich hängen geblieben? Habe ich einen Durchhänger? Kann ich mir das erlauben? Kann ich mir das leisten? Wenn das finanzielle Spiel zum Maßstab wird, bin ich dann nur noch ein Wirtschaftsfaktor? Lebe ich nur um irgendein Depot zu bereichern? Wie bestimmend ist diese Frage für mein Leben? Welche Bestimmungen kann ich dulden? Welche Spielregeln muss ich einhalten? Ist „pfuschen“ erlaubt, solange ich mich nicht erwischen lasse? Bin ich ein „Bluffer“? Bin ich ein Abzocker? Bin ich cool? Bin ich von mir überzeugt? Habe ich Angst zu versagen? Ist das mein Thema? Kann ich das machen? Was kann ich machen? Was gibt es schon? Was wurde schon gemacht? Wie kann ich es machen? Arbeite ich ikonographisch, zentral, in einer Linie, an einem Werk? Arbeite ich an verschiedenen Baustellen, an offenen, variablen Systemen? Arbeite ich unbewusst? Arbeite ich im Schlaf? Brauche ich Schlaftabletten oder einen Wecker? Brauche ich einen Dialog zum Anlass? Brauche ich eine Party zum publizieren? Wen kann ich erreichen? Wen will ich erreichen? Wer ist Integriert? Wer wird assimiliert? Wer hat Hausverbot? Sind die Werke für mich, für Alle, oder für Jemanden? Für die Geliebte, für die Kultur, für Gott, oder den Käufer? Sind die Werke frei, für etwas, oder grundsätzlich gegen alles? Wen will ich berühren? Will ich Gleichgültigkeit oder Betroffenheit auslösen? Will ich den Streichelzoo oder Dampfhammerficken? Will ich einbalsamieren oder provozieren? Will ich gefallen oder schocken? Will ich bestätigen oder erziehen? Will ich Restauration oder Revolution? Gehöre ich einer Partei an? Führe ich eine Beziehung mit einer Institution? Kann ich ihr treu bleiben? Bleibe ich standhaft? Habe ich Genügend Durchhaltevermögen? Schaffe ich es ein Ding durchzuziehen? Habe ich das Zeug für dieses Handwerk? Schaffe ich es eine Stelle zu markieren, eine Gegenstelle auszumachen, neue Stellung zu beziehen? Ist das eine dialektische Einstellung, oder eine Falle? Bin ich ein Fallensteller? Bin ich ein Spurenleser? Wie tief ist meine Spur? Bin ich auf der richtigen Fährte? Bin ich Edding oder Radiergummi? Wodurch zeichne ich mich aus, wo ist meine Qualität? Bin ich ein Markenprodukt oder nur eine billige Imitation? Bin ich „Made in Germany“, oder „Made in China“? Bin ich Pepsi oder Cocain? Bin ich ein Kolateralschaden oder Konzept? Bin ich Philosophie oder Handwerk? Bin ich Atelier, Künstler, Galerist, Galerie oder Party? Wer bin ich? Was bin Ich? Was ist mein Profil? Ist der eigene Anspruch, Kunst zu produzieren, nicht nur eine bequeme Nische in diesem System? Für alle Antiköpfe, die Zöglinge der 68er, die in dem Glauben stehen, sie brauchten keine materiellen Dinge, außer die eigene, leibhaftige Existenz als Künstler selbst? Ist ja auch sehr bequem so, solange es an nichts mangelt! Wenn man jung ist, darf man sich diesen Idealismus ja noch erlauben! Warum sollte man „nur“ des Geldes wegen einen Beruf ausüben? Beruf kommt doch von Berufung, oder? Man hatte doch eh immer alles, was man für den so genannten Wohlstand halt! Wozu sich da quälen? Wozu die Passion zelebrieren? Warum sollte man sich den Buckel wundschuften? Das haben ja unsere Eltern bereits für uns getan, damit wir es einmal besser haben! Täglich Seife, täglich Seifenop(f)er! „Kind, wenn du mal groß bist, kannst du werden was du willst! Du musst nur fest genug daran glauben!“ Wir haben alle notwendigen Voraussetzungen mit auf den Weg bekommen! Wir sind selbstständig geworden! Wir haben gelernt, unsere Körper unter unsere Gewalt zu bekommen! Wir haben gelernt, uns zu beherrschen! Wir haben gelernt, unsere Notdurft außerhalb unserer Kleidung zu verrichten! Wir sind aus der Natur getreten! Wir sind gesellschaftsfähig geworden! Uns wurde die Verantwortung zur bewussten Selbstbestimmung überlassen! Und was machen wir mit diesem Erbe? Natürlich Kunst! Die Moral beginnt bekanntlich da, wo der Hunger aufhört! Wir sind höchst moralisch! Wir würden eher verhungern, als einen Elefanten zu töten! Salamibrötchen! Wir sind ja nicht in Afrika! Wir können es uns ja leisten! Ohne Grausamkeit kein Fest! „Drei Kugeln Qualität mit extra viel Romantik bitte!“ „So, bitte schön, das macht dann 1,99 Du Opfer!“ Als Künstler ist man nicht, wie der normale Arbeiter, von dem Produkt, dem Resultat seiner Arbeit abgeschnitten! Idealvorstellung! Das Produkt ist ein Spiegel seiner selbst! Seelentherapie! Das Werk ist ein Abzug der eigenen Wirklichkeit! Selbstfindungsprozess! Man kann sich selbst verwirklichen, so wie eine Safari der Lust oder Fallschirmspringen! Man kann allen beweisen, was für ein toller Typ man ist! Als Künstler braucht man eine Profilneurose! Die Leute sind schwer beeindruckt! „Man, was für ein idealistischer, gebildeter, freischaffender Mensch das ist“, sagen sie dann, oder „was für ein Schongeist“, oder „Mann, ist der blau“! Wenn sie dann irgendwann dein „Harz 4“ bezahlen müssen, ist man nur noch ein fauler Sesselfurzer, ein Tagträumer, kein Realist, ein gesellschaftsunfähiger Parasit, eine Last, ein negativer Wirtschaftsfaktor, ein Schuldenbelastetes Humankapital, kein richtiger Mensch! So schnell kann das gehen! Aber egal, wir sind ja schließlich auch die Urenkel der Nihilisten! Die Nihilisten wussten noch, an was sie nicht glaubten! Wir wissen nicht mehr, an was wir nicht glauben! Daraus resultiert, mathematisch gesehen: alles Gleichgültig! Alles? Aber nein, nicht ganz! Eine kleine Insel in unserem Bewusstsein leistet dem übermächtigen Integrationszwang Widerstand! Unsere „Patchwork-multikulti-Identität“! Unser Verlangen nach einem Profil! Man muss Stellung beziehen sollen! Die Stelle wurde angeblich nicht von Gott vorherbestimmt! Man ist sein Chef, sein Bestimmer, sein Gott! Man steht unter einem ästhetischen Bedeutungszwang in der selbstanalytischen Haltung! Besonders als Künstler braucht man unbedingt ein Profil! Es wird aus dem unüberschaubaren Angebot selektiert und herausgehoben, was wir gerade Schick finden, oder was gerade als „modern“ bezeichnet wird! Wir brauchen die Klingeltone fürs Handy, man ist sein Klingelton, und Morgen interessiert mich mein hohles Geschwätz von Gestern nicht mehr! Nichts erscheint Beständig, außer der stetigen Veränderung, die planlose Selbstbestimmung, mit der Freiheit gekoppelt, sich täglich neu zu definieren und zu publizieren! Es gibt weder Anschnallgurte, noch doppelte Boden! Der Zaubertrick ist nicht echt! Man ist nicht, man ist auf der Suche! Man hat den Anspruch, die Mündigkeit zur richtigen Wahl seiner selbst zu besitzen! Die Wahl ist von dem Angebot abhängig! Die Wahl ist Vorherbestimmt! Man gehört zu einer Zielgruppe! Das Produkt wurde mir auf den Leib geschneidert! Das Produkt hat mich gewählt, es ließt mir meine tiefsten Wünsche von den Augen ab, und lässt mich in dem Glauben der freien Wahl und Selbstbestimmung! Eine Romanze zwischen mir und dem Produkt, zwischen Konsumverhalten und Innovation! Das Produkt hat mich gemacht! Das Produkt ist mein Schöpfer! Die Industrie ist Gott! Man wird „an der Stange gehalten“! Es gibt kein „Verhungern am ausgestrecktem Arm“! Kleidung ist Identität, Handy ist Identität, Auto ist Identität! Aber niemand weiß mehr, worum es hier eigentlich wirklich geht! Das existentiell notwendige Wissen gerät in Vergessenheit, gerät ins geistige Exil (z.B. wie man ein Huhn ausnimmt)! Wir sind ultra abhängig! Wir haben keine Wahl! Wir wollen das so! Wir wollen es leicht und bequem! Das ist ja sooo schön eine Moral zu haben und keine Tiere zu töten! „lch bremse auch für Tiere!“ „lch esse auch für Tiere“, musste eigentlich auf jedem Auto stehen! „Salamibrötchen!“ Wir sind ferngesteuert! Wir sind Konsumenten in einer synthetischen Umwelt! Wir sind Konsumisten! Wir adaptieren alles, was innerhalb der modernen, globalisierten Welt als lehrreich und schick erscheint, und erweitern somit die Möglichkeiten in unserem Repertoire an eventueller Selbstbestimmung! Von allem aber nur ein bisschen, aber bitte nur das Beste, das haben wir uns verdient! Denn wir sind einzigartig, und das ist uns wichtig! Geständnisse eines irregeleiteten Menschen, Zögling der 68er, Urenkel der Nihilisten und Künstler. Ich darf, egal zu welchem Preis, weil ich es mir Wert bin! Hauptsache ich habe die Wahl! Ich bin mein Bestimmer! Ich will mehr Götterspeise! Ich habe mich zu dem gekauft, was ich bin! Ich bin der Kapitän Iglo und muss Fischstäbchen braten, auch wenn ich dann keine Hand für das Steuern mehr frei habe! Ich stelle auf Autopilot, den Blick zielbewusst auf die weite See gerichtet! Mit voller Kraft voraus, die Segel sind gehisst! Egal wohin, „alles wird gut“! Ich besinne mich auf mein intuitives Einkaufszentrum! Ich reise durch einen überdimensionalen Supermarkt, in dem hohe Regale die Sicht versperren! Das Angebot ist reichlich, und ich kann mich kaum entscheiden! All diese Verlockungen, Gelüste und Düfte! Alles unpolitisch total korrekte Angebote! Bildfarbe mit Glanzwert? Oder doch Glanzfarbe? Egal, Hauptsache die Moral stimmt! Ich habe die Übersicht verloren! Ich habe mich verlaufen! Mein Stolz redet mir ein, dass ich hier genau richtig bin, bis aus den Lautsprechern die Durchsage schallt: „Der kleine 1,99 wird umgehend zur Information gebeten, er wird dort von seinem Profil erwartet“! Wenn ich die Kamera bin, ist mein Profil nur ein Photo meiner Wirklichkeit! Ich kann nur versuchen ein Exempel zu statuieren, ein Abglanz meiner selbst vorzugaukeln, mir einzureden, dass ich „echt bin“, und keine Marionette mit hübscher Facette! Ich muss mich entschließen! Ich brauche eine extreme Haltung und Lebenseinstellung! Ich muss einzigartig sein wollen, und akzeptieren, dass alle Menschen gleich sind! Das schlaucht! „Plastikschlaucht“! Ich brauche ein dickes Fell! Ich brauch einen elektrischen Rasierapparat mit Discokugel! Aus den Haaren bastel‘ ich mir meinen Lieblingspinsel und male nach Zahlen! Die Frage, „kann ich davon einmal leben“, darf sich mir erst gar nicht erst stellen! Die Frage selbst ist schon eine Antwort! Ich messe mir Bedeutung bei! Ich bin Integriert! Ich habe eine Identität! Ich habe ein Profil! Ich bin arm! Ich bin das was ich denke, und die Gedanken sind reichlich! Pulsierende Schwingungen von Liebe und Hass! Romantik und Faustfick! David Jäger |